Rückblick Lektüre Februar März
Rückblicke

Mein Rückblick auf die Lektüre in Februar / März

Anmerkung.

Wie verhält man sich angesichts des nahen Schreckens? Kann, darf man weitermachen wie bisher? Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich zu orientieren. Ich lese wieder Romane und berichte auch wieder darüber. Ich weiß nicht, ob das so richtig ist, oder sich später als die falsche Entscheidung herausstellen wird. Aber aufzuhören, sich mittels der Literatur in andere Gedankenwelten einzufinden und neue Horizonte zu entdecken, scheint mir die schlechtere Lösung zu sein.

 

Rückblick.

Der Februar 2022 begann noch wie ein ganz normaler Blogger-Monat. In der Nerd-Bubble auf Twitter war ich auf das Buch „Die Lügen des Locke Lamora“ von Scott Lynch aufmerksam gemacht worden. Der Beginn eines großen (noch nicht abgeschlossenen) Fantasy Epos, der mir bisher noch nicht bekannt war. Ich weiß nicht, was das immer soll. Es kann doch auch wunderbare Fantasyromane geben, die nicht sofort in einer Reihe mit „Der Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“ stehen müssen. Diese Marketingaufdrucke sind für mich ein großes Ärgernis und tun dem jeweiligen Buch oft keinen Gefallen. „Die Lügen des Locke Lamora“ ist ein sehr spannend geschriebener Pageturner, der in einer liebevoll-ausgearbeiteten Fantasy-Welt angesiedelt wude. Ein toller Schmöker für regnerische Wochenenden. Alles wie man es erwartet. Leider aber auch mit einigen gravierenden Schwächen versehen. Ganz sicher kein „Game of Thrones“! Ist aber auch gar nicht nötig.

Es folgte der Kriminalroman „Unter dem Sturm“ des schwedischen Autors und renommierten Kriminologen Christoffer Carlsson. Als großer Krimi-Freund war mir bereits frühzeitig klar, dass dieser Roman nicht zufällig auf dem Cover mit der Langform als „Kriminalroman“ tituliert wird. Im Mittelpunkt des Romans steht weniger die Auflösung des Verbrechens, auch wenn diese durchaus spannend ist, sondern die Auswirkungen der Tat auf die Entwicklung und Leben der Betroffenen. Der Autor geht sehr einfühlsam, unaufgeregt und mit großem erzählerischem Geschick vor. Er lässt uns zu unmittelbaren Zeugen/-innen ihrer Nöte, Zweifel und Schuldgefühle werden. Großartig gemacht. Ein Gesellschaftsbild der skandinavischen Provinz. Für mich steht dieser Roman ganz in der besten Tradition Henning Mankells und der großen Maj Sjöwall / Per Walhöö.

Anfang März hatte ich dann das Vergnügen, meinen neuen Stern am Science-Fiction Himmel zu entdecken. Ich muss mich hier so enthusiastisch ausdrücken, weil ich von Nils Westerboers „ATHOS 2643“ restlos begeistert bin. Natürlich (wie immer) eine sehr subjektive Einschätzung, passt dieser Roman doch nahezu perfekt in mein Beuteschema: Programmierung einer künstlichen Moral, Grenzen der Voraussagbarkeit chaotischer Systeme, Konflikt zwischen Willensfreiheit und Determinismus, juristische Verantwortlichkeit bei einer Tötung durch eine KI, Paradoxien und nicht zuletzt die ganz große Frage nach dem Funken, der das Leben ausmacht. Das alles in einem frischen SF-Szenario spannend erzählt. Da werde ich schwach. Keine leichte Lektüre für nebenher aber einzigartig gemacht.

Und noch ein „Kriminalroman“, den ich nicht als „Krimi“ bezeichnen will. Patrícia Melos „Der Nachbar“. Bitterböse und erfrischend reißt sie die sowieso schon bröckelnde Fassade der Bürgerlichkeit ein und legt das Böse in uns frei. Was soll man auch mit einem Nachbarn machen, der einem mit seinem ständigen Lärm auf die Nerven geht und herausfordert?! Hier geht es nicht um „Whodunit?“. Schwarzhumorig, makaber, gesellschaftskritisch. Ein unkonventioneller, kleiner Kriminalroman.

Den wunderbaren Abschluss der beiden Lesemonate bildete der sehr gelungene Roman „Die Leuchtturmwärter“ von Emma Stonex. Ein fiktionaler Roman angelehnt an eine wahre Begebenheit. Das mysteriöse Verschwinden dreier Leuchtturmwärter von einem unbewohnten Eiland in Küstennähe der rauen Nordsee. Ein wunderbarer schwebender, der Welt entrückter Roman über die Einsamkeit, Sprachlosigkeit und Verletzbarkeit des Menschen vor dem eindrucksvollen Hintergrund der rauen, gefahrvollen See. Sprachgewaltig, einfühlsam und meisterlich geschrieben. Spannend bis zum Schluss.

Wie immer auf meinem Blog, boten die beiden Monate eine wilde Genremischung. Ich liebe einfach die literarische Abwechslung und bin der Meinung, dass sämtliche Genres großartige und lesenswerte Bücher zu bieten haben. Um den Mix perfekt zu machen, begann der April dann auch gleich mit dem in sämtlichen Belangen faszinierenden, autobiografischen Roman „Die Königin von Troisorf“. Aber das ist eine neue Geschichte, die meinem nächsten Rückblick vorbehalten bleibt…

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