Belletristik

Màirtìn Ò Cadhain „Die Asche des Tages“

Ein wunderbarer Roman voller tragischer Komik, Melancholie und Menschlichkeit.

Die Asche des Tages“, Erstausgabe 1970, ist das letzte Werk des irischen Schriftstellers und politischen Kommentators Màirtìn Ò Cadhain. Der Roman ist 2020 im Stuttgarter Alfred Kröner Verlag, in der deutschen Übersetzung von Gabriele Haefs, neu erschienen.

Ò Cadhain (*1906, +1970) gilt als Erneuerer der modernen irischsprachigen Literatur und wird zu den bedeutendsten Schriftstellern des Landes gezählt. Bei Zeitgenossen galt er als gesellschaftlich und politisch schwierig und unbequem. Von Beruf Lehrer, schloss er sich Ende der 1920er Jahre der Irish Republican Army (IRA) an. In der Zeit von 1940 bis 1944 wurde er interniert. Nach seiner Trennung von der IRA siedelte er nach Dublin, wo er in verschiedenen Positionen als Staatsdiener tätig war und noch kurz vor seinem Tod eine Professur für Literatur erhielt.

Der lediglich 146 Seiten dünne Roman ist geschmackvoll gestaltet. Der Buchrücken besteht aus Leinen, der Vorderdeckel ist mit einem farblich abgestimmten, zur Romanhandlung passenden Foto versehen. In seinem schlanken Format insgesamt eine sehr stimmige Erscheinung.

Màirtìn Ò Cadhain lässt uns, über einen Zeitraum weniger Stunden, zusammen mit seinem Protagonisten N. durch das Dublin der 1970er Jahre ziehen. Wir erleben alles ausschließlich aus N.`s Perspektive und haben Anteil an seiner von schlechtem Gewissen, Zweifeln und Hoffnung erfüllten Innenwelt. Der Roman ist nicht in Kapitel unterteilt. Wie in einem Sog werden wir, ohne inne zu halten, in einem fort durch die 146 Seiten des Romans gezogen.

Seine Frau war zu einem blödsinnigen Zeitpunkt gestorben, der Tod ist immer blödsinnig. Gott schütze uns alle, dachte N.“

N., seinen vollständigen Namen erfahren wir nicht, ist Beamter und befindet sich in einer Ausnahmesituation. Es ist Samstag und obwohl seine Frau gerade gestorben ist, ist er in seiner Behörde zur Arbeit erschienen. Eigentlich müsste seine Frau jetzt aufgebahrt und die Beerdigung organisiert werden, doch N. hat es überhaupt nicht eilig zurück nach Hause zu gehen, wo seine keifenden Schwägerinnen auf ihn warten. Unter dem Vorwand für die Beerdigungsfeierlichkeiten noch zwei günstige Flaschen Whiskey kaufen zu wollen, stiehlt er sich davon, auf direktem Wege in die nächste Kneipe. So beginnt N.`s zielloser Irrweg durch Dublin, in dessen Verlauf ihm sein ganzes Geld gestohlen wird, er einen Besuch auf der Rennbahn macht, mit einer Mitarbeiterin schläft, wiederholt auf Passanten und katholische Geistliche trifft und auch nicht an weiteren Kneipenbesuchen spart.

Nur dachte er dann wieder, dass die Lebenden größeres Mitleid verdienten als die Toten, die ja sowieso nichts mehr mitbekamen.“

Während er so umherzieht, nehmen wir Anteil an seinen inneren Kämpfen und Dämonen. Alles in ihm sträubt sich dagegen, pflichtgemäß nach Hause zurückzukehren und sich um die anstehende Beerdigung seiner Frau zu kümmern. Immer wieder findet er neue Ausflüchte nicht umzukehren. Stattdessen lässt sich N. weiter ziellos durch Dublin treiben. Sein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle sind dabei allgegenwärtig und übermächtig. In skurrilen, deftigen und die Grenzen zum Selbstmitleid überschreitenden inneren Tiraden, kämpft er dagegen an.

Wenn sie ihn beim Herumlungern, gar beim vorsätzlichen Herumgammeln, erwischen würden, würden sie ihn vielleicht einsperren und wegen dieses Vergehens vor Gericht stellen. Das oder, viel schlimmer noch, sie würden ihn vielleicht nach Hause bringen.“

Bereits seit Langem ist N. nicht mehr mit sich und seinem Leben im Reinen. Er hadert mit seiner Arbeit als Beamter, der katholischen Kirche und insbesondere mit den katholischen Priestern, seiner Familie und den gesellschaftlichen Konventionen, die es ihm unmöglich machen, auszubrechen. Auch sein Haus ist für ihn, nach dem Tode seiner Frau, nur noch irgendein Ort, an dem verhasste Schwägerinnen auf ihn warten. Eines weiß er ganz sicher: Dahin zurück will er auf keinen Fall.

N. befindet sich in einer Art Schwebezustand, in dem Schuldgefühle und Selbsterhaltungstrieb miteinander kämpfen. Es geht nicht vor und nicht zurück. In einem Moment noch euphorisch, ist er im nächsten wieder zu Tode betrübt und hängt seinen wirren, irrlichternden Gedanken nach.

Unter zunehmenden Realitätsverlust leidend gelangt N. schließlich zum Hafen und trifft dort auf einen amerikanischen Seemann aus Boston. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Silberstreif erscheint am Horizont…

Seit dem frühen Morgen hatte er bei so vielen Menschen gebeichtet. Und alle hatten ihm weismachen wollen, dass es seine eigene Schuld war. (…) Nur einer hatte N. vergeben. Dieser Mann hatte ihm Whiskey gegeben, der Priester nur schnödes Wasser. N. war sich sicher, dass die meisten Dinge so wenig kosteten wie der Wind – drüben in Amerika. Dieser eine Gedanke, dass es einen Ort gibt, wo Dinge umsonst zu haben waren, verlieh ihm Mut, bestärkte ihn in seiner Menschlichkeit und erfüllte sein Wesen mit Hoffnung. Dieser Gedanke machte der niederschmetternden Verzweiflung über Bestatter, Särge, Leichname und den ganzen Rest, die ihn gehetzt hatten, ein- für allemal den Garaus.“

Sprachgewaltig, deftig, aber immer unprätentiös, lässt Màirtìn Ò Cadhain uns an N.`s Odyssee durch Dublin teilhaben. Sein intensiver und stark verdichteter Roman ist prall gefüllt mit dem purem Leben. Versagen, Schuld, Enttäuschung, Lebenswille und Hoffnung, die ganz großen Themen werden hier verhandelt und liegen, wild vermischt, dicht beieinander. Ob N. letztendlich ein Mensch am Scheideweg oder doch einfach nur ein unzuverlässiger fauler Hund ist, wird dabei zur Nebensache.

Bei aller Melancholie und tragischer Komik ist dieser tiefgründige kleine Roman erfüllt von einer großen Wärme und Menschlichkeit. Màirtìn Ò Cadhain präsentiert keinen Helden oder Gewinner, sondern einfach einen Menschen in seiner ganzen Unvollkommenheit. Ein ganz außergewöhnlicher, wunderbarer Roman.

Màirtìn Ò Cadhain, Die Asche des Tages

Hardcover, 146 S.

Alfred Kröner Verlag

ISBN978-3-520-60301-2

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