Horatio Bücher, Jonas T. Bengtsson, Auf Bewährung
Kriminalroman

Jonas T. Bengtsson, „Auf Bewährung“

Jonas T. Bengtsson, Auf Bewährung – [Werbung, Rezensionsexemplar]

Jonas T. Bengtssons Roman „Auf Bewährung“ bietet einen verstörenden Blick auf den Randbereich der dänischen Gesellschaft.

Danny, ein dreißigjähriger Schläger und Gewalttäter, wird nach langer Haft vorzeitig auf Bewährung entlassen. „Er ist ein Krimineller seit er krabbeln kann“. Schon als Kind hat er „mit Spielzeugbausteinen gedealt und im Sandkasten Schutzgeld verlangt.“ Danny ist kompromisslos, gewaltbereit und hat eine kurze Zündschnur. Er denkt mit den Fäusten. Wie seine beiden Jugendfreunde Christian und Malik stammt er aus dem Kopenhagener Nordwestviertel, einem abgehängten Stadtteil, der von Armut, Ausweglosigkeit und Kriminalität geprägt ist.

Sein alter Freund Malik dagegen hat als Sohn äthiopischer Einwanderer den Sprung an die Universität geschafft und studiert Zahnmedizin. Malik ist intelligent, hilfsbereit, gesetzestreu. Jemand wie er kann die Schulzeit im Viertel nur überstehen, wenn er den Schutz eines Freunds wie Danny hat. Im Viertel angekommen erfährt Danny jedoch, dass Malik seit einiger Zeit spurlos verschwunden ist. Sofort macht sich er sich auf die Suche. Zusammen mit Christian, dem dritten Freund im Bunde. Christian ist trotz seiner kriminellen Vergangenheit irgendwie bei der Polizei gelandet. Bei der Drogenfahndung. Gerne raucht er im Garten nach der Arbeit konfiszierte Joints. Christian versucht sich als Familienvater zu beweisen und ein bürgerliches Leben aufzubauen. Doch er wurde beim Hauskauf betrogen und steht vor den Scherben seiner Existenz. Mit seiner Unterstützung begibt sich Danny auf Maliks Spur und taucht wieder ein in die Welt des Viertels.

„Plötzlich wirkte das alles erschreckend erwachsen und sehr real. Christian stammt aus dem Viertel. Niemand, den er kennt, hat jemals eine Immobilie gekauft. Millionen sind das, wovon man träumt, wenn man eine Bank ausraubt, nicht etwas, was man sich borgt und dreißig Jahre zurückzahlt.“

Bengtsson eröffnet den Lesenden den ungeschönten Blick auf die trostlose, von Bandenkriminalität, Drogen und Armut durchdrungene Gesellschaft des Viertels, in der die Menschen damit beschäftigt sind, den Alltag zu überstehen. Aber auch die im Roman anzutreffenden Vertreter des sogenannten Bürgertums sind verkommen und unzuverlässig. Es wird gelogen, betrogen und erpresst. Der gesellschaftliche Bankrott ist zu besichtigen.

Obwohl sich vieles im Viertel verändert hat, weiß sich Danny in diesen Verhältnissen zu bewegen. Als Protagonist des Kriminalromans ist er Ermittler und Schwerverbrecher zugleich. Das ist ungewöhnlich und hat tatsächlich einen sehr besonderen Reiz. Überhaupt sind Bengtssons Hauptfiguren in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit alles andere als Sympathieträger, aber gerade das macht sie äußerst interessant. Bei aller Ambivalenz gelingt es Bengtsson, unvoreingenommen und respektvoll mit diesen komplizierten Charakteren umzugehen. Er gewährt tiefe Einblicke in ihre Zerrissenheit und Verwundbarkeit. Eine heimliche Sehnsucht nach dem unerreichbaren bürgerlichen Leben liegt in jedem von ihnen verborgen.

„Danny sieht sein eigenes Spiegelbild in einem Schaufenster. Nun, was geht, kleiner Scheißer, es ist Mittwoch oder so, und die Geschäfte stellen ihre Schilder raus, und überall um dich herum machen Leute mit ihrem Leben weiter, Kinderwagen, Küsse, Schweiß im Schritt und Minzbonbons. Dieses ganze Alltagsleben, das nichts mit dir zu tun hat.“

Jedoch ist nicht die geringste Spur von Sozialromantik zu finden. Das würde auch nicht zu der harten Geschichte passen. Nie lässt Bengtsson einen Zweifel daran, dass es sich bei Danny um einen gewalttätigen, Schwerverbrecher handelt. Ein klarer Antiheld. Und auch Christian und Malik sind bei näherer Betrachtung alles andere als frei von Schuld.

Die Sprache des Romans ist knapp, kraftvoll und präzise. Besonders zu erwähnen, dass der Autor sich für den Präsens als Erzählzeit entschieden hat, was ideal zu der realistischen, wenig verschachtelten Erzählweise passt und die Dynamik des Romans unterstreicht. Derart gelungen habe ich das noch nicht gelesen.

„Auf Bewährung“ ist ein überzeugend komponierter, Neo-Noir-Krimi. Trotz aller erkennbarer Sozialkritik jedoch kein Roman des sozialen Realismus. Allzu übersteigert sind Charaktere, Handlung und auch die Verhältnisse des Viertels. Man ist teilweise weniger an Kopenhagen, als an Sin City erinnert. Dannys Suche nach seinem Jugendfreund Malik ist gradlinig, schnörkellos und bis zum überzeugenden Ende ohne Hektik erzählt. Düster und durchaus spannend. Unterhaltsam.

»Ich will dir helfen«, sagt Danny. »Ich weiß«, sagt Malik. »Aber ich glaube nicht, dass du das kannst.« Dann lacht er. »Du kannst den Jungen aus dem Viertel holen…« – »…aber nicht das Viertel aus dem Jungen.« – »Genau«, sagt Malik. »Ganz genau.«

      • Jonas T. Bengtsson, Auf Bewährung
      • Aus dem Dänischen von Max Stadler
      • OA: „Fra Blokken“, 2020
      • Hardcover, 351 Seiten
      • Wilhelm Heyne Verlag, München, [Heyne HARDCORE]; 2022
      • ISBN 978-3-453-27363-4
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