Roman Yank Zone
Belletristik

Michel Basse, „Yank Zone“

Michael Basse, „Yank Zone“ – [Werbung weil kostenloses Rezensionsexemplar]

 

„In every Kraut boy – there`s an American hiding, who wants to get out, he just doesen`t know it, yet.“

Diese provokante These ist das Glaubensbekenntnis von „Old Chop“ Ross Raymond Hartman, Lt. Colonel der US-Army im Ruhestand. Veteran des Pazifik Kriegs, und nicht nur dem Namen nach ein „hard man“, den es nach dem Krieg in die schwäbische Provinz in das Örtchen „Maulbronn“ verschlagen hat.

„Old Chop“ Hartmann steht im Zentrum des Romans „Yank Zone“ von Michael Basse. Old Chops deutsche Frau, für die er zurück nach Schwaben kam, ist seit Langem verstorben. Zusammen mit dem gemeinsamen Sohn Jack lebt er im beschaulichen, spießigen Maulbronn und betreibt dort die Kneipe „hard man`s guesthouse“. Für Old Chop ist das Guesthouse ein Stück Amerika in der Provinz, letzte Männerbastion, „House of the free and the brave“. Magischer Anziehungspunkt und Hort der Freiheit für die örtlichen Halbstarken.

„Our house is clean enough to be healthy but dirty enough to be happy in.“

Um Old Chop herum lässt der Autor Michael Basse die Protagonisten /-innen seines Romans kreisen.

Da ist Mani Zeiss, bester Freund seines Sohns Jack. Klugscheißer, Klosterschüler, vom Lehrerkollegium gefürchteter Revoluzzer, Zivildienstleistender der seine Klappe nicht halten kann und eigentlich keine Autoritäten respektiert. „Mani, are you a communist …?“.

Old Chops Sohn Jack, der mit seinen deutschen und amerikanischen Wurzeln, zwischen beiden Welten hin und hergerissen ist und nach der Wende nach Bulgarien reist, um dort seine große Liebe Lydia kennen zu lernen. Ein Held, aber kein griechischer, sondern ein amerikanischer. Sportlich, lässig, optimistisch. Oder vielleicht doch nicht?

Die Bulgarin Lydia, in der zu Old Chops Entsetzen ganz offenbar kein Amerikaner versteckt ist und die seltsam immun ist gegen seinen einnehmenden, naiven amerikanischen Charme.

Und nicht zuletzt Margarete (Maggie), seine vom Krieg gezeichnete Partnerin, die von Jack für das Ende des amerikanischen Traums „hard men`s guesthouse“ verantwortlich gemacht wird.

Kapitelweise wechselnd, wird Old Chops Geschichte jeweils aus den Perspektiven dieser sehr unterschiedlichen Charaktere erzählt. Er selbst, kommt nicht zu Wort. Old Chop erweist sich dabei geradezu als Stereotyp des Amerikaners. Sein Weltbild erscheint so geschlossen, wie schlicht:

„Das Wesen des Amerikaners sei sein unbändiger Freiheitswille. Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit seien zwar auch Werte, aber nachrangig. Zuviel davon verheiße Schwäche, Unfreiheit, Ohnmacht. Freiheit sei Stärke. Sich niemanden zu beugen, weder Königen noch Päpsten, weder Nazis noch Kommunisten.“ (…) „Ein Amerikaner kapituliert nicht. Niemals“

John Wayne und Gary Cooper, Clark Gable und Burt Lancaster, Allan Ladd und Audie Murphy, Sternling Hayden und Glenn Ford, Robert Mitchum und Richard Widmark sind Old Chops uramerikanisches Universum, in dem am Ende immer die Kavallerie kommt und selbstverständlich die Guten siegen. Er ist überzeug, dass auch „in jeder Rothaut“ ein Amerikaner steckt, der raus will. Auch wenn er das selbst noch nicht weiß.

Mit Old Chop lässt Michael Basse „den Amerikaner“ auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft treffen. Eine spannende, gewaltige Kollision und sehr aufschlussreiche Versuchsanordnung. Mit hervorragendem Blick für zahllose Details, trägt er verschiedene Episoden zusammen, die exemplarisch sind für das damalige deutsch/amerikanische Verhältnis. Auch ein vergleichender Blick auf die amerikanischen Einflüsse im Bulgarien nach dem Fall des eisernen Vorhangs, vermittelt durch Jacks bulgarische Freundin Lydia, eröffnet hier weitere interessante Perspektiven.

„Deshalb gibt es am Ende auch nur zwei Arten von Menschen: Amerikaner und solche, die es werden wollen – und die Feinde Amerikas.“

Immer wieder arbeitet der Autor dabei spannende, teilweise auch provokante Thesen und Beobachtungen heraus: Deutsche Lehrer der Nachkriegszeit, die feststellen müssen, dass ihr für die Ewigkeit ersonnenes und für unfehlbar gehaltenes Erziehungssystem plötzlich zerbröselt; eine profitable „Ami-Achse“ durch die Städte Frankfurt, Stuttgart, München, die unverschämtes, unverdientes Glück hatten, an die Amerikaner gefallen zu sein; eine US-Army, die  – im Gegensatz zu deutschen Behörden, Kirchen und Sudelblättern – ein viel realistischeres Bild der deutschen Frauen, dem „Fräuleinwunder“ hatten; einer Entsprechung des bulgarischen proletarischen Adels mit dem amerikanischen Geldadel und letztlich die Gleichstellung ausgestellter amerikanischer Sportpokale mit deutschen Gartenzwergen in Spießer-Vorgärten.

So ist die literarische Annäherung an die Dominanz und Attraktivität der amerikanischen Kultur und deren Eigenschaft als Katalysator bei der Transformation von Gesellschaften ganz klar die Stärke und der Schwerpunkt des Romans. Zahllose Details und Szenen aus dem bundesrepublikanischen Leben der Nachkriegszeit machen den Roman zudem zu einem bestens recherchierten Zeitzeugnis.

Die Geschichte um Old Chop und seinen Sohn Jack, gerät dabei leider in den Hintergrund. In Folge der episodenhaften Erzählweise aus den jeweils wechselnden Erzählperspektiven, belässt es der Autor bei einer rudimentären Handlung, die mehr als Klammer für die, den Roman tragenden spannenden Betrachtungen der amerikanischen Einflüsse dient. Auch die Protagonisten des Romans werden über die ihnen gewidmeten Episoden hinaus nicht weiter ausgearbeitet und bleiben insgesamt blass.

„Yank Zone“ ist daher auch nicht so sehr ein erzählender Roman, dafür jedoch sorgfältig recherchiertes Zeitzeugnis und Versuchsanordnung, in der Michael Basse „das Wesen des Amerikaners“ gekonnt auf die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft treffen lässt. Eine scharfsinnige, provokante Beobachtung der Kollision zweier Welten und Zeugnis einer Transformation. Ein Thema von großer Aktualität.

Michael Basse, Yank Zone

Hardcover, 314 Seiten

Alfred Kröner Verlag, Stuttgart

Erstveröffentlichung  2022

ISBN 978-3-520-76201-6

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