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Erich Kästner „Drei Männer im Schnee“

Kästners Roman „Drei Männer im Schnee“ ist als eine heitere, bezaubernde winterliche Lektüre bekannt geworden. In der vorliegenden Ausgabe, sehr gelungen begleitet von der Erzählung „Inferno im Hotel“, wird deutlich, welch zeitkritische Tiefe dieser Stoff gleichzeitig auch zu bieten hat.

Eigentlich weitgehend frei von Sentimentalitäten jeglicher Art, hatte ich mir bereits seit einiger Zeit Gedanken über eine passende, nette Weihnachtslektüre gemacht. Schnell fiel mir dabei Erich Kästners kleiner Roman „Drei Männer im Schnee“ ein, den ich zuletzt in den 1990ern gelesen hatte. Die Geschichte um den Millionär Tobler, seinen Diener Johann und den in armen Verhältnissen lebenden, Dr. Hagedorn war mir als heitere, unbeschwerte Alberei in der weißen Pracht der Alpen in Erinnerung. Als harmloser winterlicher Spaß mit einer großen Portion Herz. Etwas unbeschwert Rührseliges, halt genau passend für das mir offensichtlich vorschwebende Weihnachtsklischee. Erfreulicherweise erwies sich der Roman dann jedoch als weitaus vielschichtiger und kritischer, als ich ihn in Erinnerung hatte.

Erich Kästner (*1899 in Dresden, +1974 in München) zählt zu den bedeutendsten deutschen Kinderbuchautoren. Genannt seien hier nur „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“. Daneben verfasste er auch gesellschaftskritische Romane für Erwachsene, wie etwa „Fabian“ und natürlich auch wunderbare klare und eingängige Lyrik. Ich denke da vor allem an den unvergleichlichen Gedichtband: „Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“. Erich Kästner ist ein Meister der schlichten, unprätentiösen Sprache und gilt als Moralist. Im Nationalsozialismus fielen seine Bücher, insbesondere Fabian und die Lyrische Hausapotheke 1933 der Verbrennung zum Opfer. Kästner erhielt Publikationsverbot, so dass die „Drei Männer im Schnee“ 1934 in der Schweiz erscheinen mussten.

Aktuell ist der Roman „Drei Männer im Schnee“ in einer wunderbaren Taschenbuch Ausgabe des Atrium Verlags erhältlich. Es ist ein großes Verdienst des Verlags, zusätzlich auch die kleine kaum bekannte Erzählung „Inferno im Hotel“ mit in den Band aufgenommen zu haben. Sie erschien erstmals bereits 1927 im Berliner Tageblatt und gilt tatsächlich als Keimzelle und Vorlage der erst sieben Jahre später 1934 erschienen „Drei Männer im Schnee“. Die äußerst knappe Erzählung hat im Wesentlichen das gleiche Sujet wie der Roman zum Gegenstand. Auch bei „Inferno im Hotel“ geht es um einen Menschen aus einfachen Verhältnissen, der sich völlig unerwartet in der geschlossenen „besten“ Gesellschaft eines winterlichen Luxushotels wiederfindet. Im Unterschied zum leichten, heiter daherkommenden Roman behandelt die Erzählung das Thema jedoch völlig humorlos auf eine erschreckend grausame Art und seziert mit einer sehr großen Härte die Klassengesellschaft der Weimarer Republik.

Für mich, der ich die Erzählung damals bei der ersten Lektüre noch nicht kannte, ist sie von sehr großem Wert für die Rezeption des auf ihr basierenden Romans. Vor dem Hintergrund der düsteren Erzählung erschließt sich deutlich, dass auch die in der Komödie „Drei Männer im Schnee“ erkennbaren scharfen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontraste, keinesfalls zufällig sind. Kästners Gesellschaftskritik, bleibt zwar dezent im Hintergrund, ist allerdings immer gegenwärtig.

Auf den ersten Blick aber, ist der Roman eine herzliche und warme Verwechslungskomödie. Der Millionär, Geheimrat Tobler, Eigentümer von Banken, Warenhäusern, Fabriken, Bergwerken in Schlesien, Hochöfen an der Ruhr und Schifffahrtslinien zwischen den Kontinenten, ist ein exzentrischer Mensch aber auch ausgestattet mit einem freundlichen, sonnigen Gemüt. Unter dem Pseudonym Schulze hat er heimlich bei einem Preisausschreiben seiner eigenen Putzblank-Werke teilgenommen und als zweiten Preis, ein Luxus-Wochenende im piekfeinen Grandhotel Bruckbeuren in den Alpen gewonnen. Aus Lust und Laune heraus, und natürlich, um die Menschen zu studieren, beschließt er inkognito, als sogenannter „armer Teufel“ verkleidet, die Reise anzutreten.

„Endlich einmal etwas anderes. Endlich einmal ohne den üblichen Zinnober.“ Er war begeistert. „Ich habe fast vergessen, wie die Menschen in Wirklichkeit sind. Ich will das Glashaus demolieren, in dem ich sitze.“

Begleitet wird er von seinem alten Hausdiener Johann, der um die Täuschung perfekt zu machen, ebenfalls inkognito als vermögender Reeder Johann Kesselhut mit anreisen soll. Im Grandhotel treffen die beiden dann auf den Dritten im Bunde, den tatsächlich aus armen Verhältnissen stammenden jungen arbeitslosen Akademiker und Reklamefachmann Doktor Fritz Hagedorn, der als Gewinner desselben Preisausschreibens im Grandhotel eintrifft. Das Nobelhotel wird geleitet von einem berechnenden Hoteldirektor und es gibt auch einen überheblichen Chefportier. Bevölkert wird das Grandhotel ausschließlich von Stammgästen aus den sogenannten „besseren Kreisen“.

Das Grandhotel in Bruckbeuren ist ein Hotel für Stammgäste. Man ist schon Stammgast, oder man wird es. Andere Möglichkeiten gibt es kaum.

Weitere Protagonisten treten noch hinzu und auch das Herz kommt im Verlaufe der Geschichte nicht zu kurz. Eine urkomische winterliche Verwechslungskomödie kann ihren Lauf nehmen

Im Unterschied zu meiner damaligen ersten Lektüre, blieb mir dieses Mal das Lachen jedoch oft im Halse stecken. Treten die gesellschaftlichen Missstände und sozialen Ungerechtigkeiten in vielen Szenen, zwischen all den urkomischen Irrungen und Wirrungen, doch sehr deutlich zu Tage. Die vergnügliche Handlung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesellschaft der Weimarer Republik tief gespalten ist und es sich um eine fest zementierte brutale Klassengesellschaft handelt. Kästner lässt die verschiedenen Lebenswelten in dem Grandhotel quasi unter einem Brennglas aufeinandertreffen. Auf der einen Seite herrschen Armut, Sparsamkeit und die Kunst irgendwie den Alltag zu meistern, auf der anderen wird in den winterlichen Alpen, bei Skisport, Cognac und Massagen hemmungslos dem Luxus gefrönt.

Auch wenn der liebenswerte Millionär den armen Mann spielt, verfügt er doch jederzeit über unendliche Ressourcen und kann nach Belieben wieder zum Millionär werden. Seine Erfahrungen als „Armer“ können daher gar nicht realistisch sein. Diese und viele andere Fragestellungen werden von Kästner geschickt mit der heiteren Geschichte verbunden, die sich aus diesem Grund als bemerkenswert vielschichtig erweist.

Einen zweifelhaften Höhepunkt des Ganzen bildet die abendliche Feier eines sogenannten „Lumpenballs“, bei dem sich die gutsituierten Gäste des Grandhotels bei Goldwasser, Tanz und Tombola, abseits der Etikette verkleiden und als sogenannte einfache „Lumpen“ vergnügen.

Keller klemmte das Monokel noch fester. „Ich kostümiere mich nie. Es liegt mir nicht. Ich kann so was nicht komisch finden.“ „Aber im Frack zum Lumpenball!“ „Warum denn nicht?“, bemerkte der dicke Lenz. „Es gibt auch Lumpen im Frack!“

Nichts liegt mir ferner als den Leserinnen und Lesern die Freude an dieser großen Winterklassiker zu trüben. Ganz im Gegenteil ist der Roman für mich nach meiner neuerlichen Lektüre noch einmal ganz erheblich im Wert gestiegen. Eine flache, belanglose Geschichte hätte zu Erich Kästner auch gar nicht gepasst. In seiner wunderbaren einfachen und leichten Art bezaubert er uns und wärmt unsere Herzen. Gleichzeitig trifft er dabei aber auch die wunden Punkte und bringt die Leser /-innen unweigerlich zum Nachdenken. Was kann man Besseres über einen heiteren Roman berichten?!

„Lasst Euch von den feinen Leuten nichts vormachen. Viele können sowieso nichts dafür, dass sie reich sind. Viele haben, glaube ich, nur deswegen Geld, weil der liebe Gott ein weiches Herz hat. Besser als gar nichts, hat er bei ihrer Erschaffung gedacht.“ [Mutter Hagedorn]

Erich Kästners Roman „Drei Männer im Schnee“ ist und bleibt eine bezaubernde, warmherzige und urkomische Geschichte von großer Relevanz, die auch zum Nachdenken anregt. 

Ganz sicher die richtige Wahl zur Weihnachtszeit.

      • Erich Kästner, Drei Männer im Schnee (Roman) / Inferno im Hotel (Erzählung)
      • Taschenbuch, 238 Seiten
      • OA: 1936
      • Atrium Verlag AG, Zürich 2017
      • ISBN 978-3-03882-016-1
      • Preis: 12 €
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