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Grusel,  Krimi,  Kurzrezensionen

Jane D. Kenting, „Verkennung“

„Dass ich die Mail überhaupt öffnete, hatte einen einfachen Grund: meine Schwäche für Geheimnisvolles. Meine Leidenschaft für alles was rätselhaft war. Das Unheimliche bezauberte mich.“

Ein Angsttherapeut mit einem mysteriösen Patienten. Das neue Heim in Nachbarschaft einer düsteren Villa. Unheimliche Geschehnisse im Dunkel. Nächte der Schlaflosigkeit und zwei rätselhafte Frauen. Jane D. Kenting hat in ihrem Erstlingswerk sämtliche Zutaten für eine geheimnisvolle, schaurige Geschichte bereitgestellt.

Die Leser/-innen sollten sich nicht von dem etwas unglücklich gewählten Buchtitel in die Irre führen lassen, werden diese knappen, schlagwortartigen Titel doch vielfach bei bleihaltigen, blutigen, skandinavischen Krimi- und Thriller Reihen verwendet. „Verkennung“ ist kein Thriller und eigentlich auch kein Krimi, sondern vielmehr ein Schauerroman, der angenehm leise daherkommt, feine Andeutungen macht und auf direkten Horror verzichtet.

Mich hat die besondere Stimme des Romans, sogleich in ihren Bann gezogen. Schon mit wenigen Seiten gelingt es der Autorin, bei den Lesern/-innen ein Gefühl des Unheimlichen, Geheimnisvollen hervorzurufen. Sie setzt ihren Protagonisten, den Psychologen und Angsttherapeuten Arnd Weyden als Ich-Erzähler auf die Spur seines mysteriösen Patienten und lässt ihn persönlich durch den Roman führen. Wir haben so unmittelbaren Anteil, an Weydens Unsicherheiten, Vorahnungen, Verwirrungen und Ängsten, die sich im Verlauf der Geschichte stetig steigern und schließlich bedrohliche, wahnhafte Ausmaße annehmen. Die sichere Distanz zum Geschehen ist aufgelöst, das Gefühl des drohenden Unheils kommt uns sehr nahe.

Diese Perspektive des Ich-Erzählers ist für einen unheimlichen Roman eine exzellente Wahl. Sie hat mich hier, wie auch der gesamte Roman, unweigerlich an die Literatur der englischen und deutschen dunklen Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts, erinnert. Interessanterweise ist es Kenting auch sehr gut gelungen, diese eher gediegene und altertümlich klingende Erzählstimme auf ein modernes Setting zu übertragen. Auch in Zeiten von E-Mails und SMS-Nachrichten, funktioniert das ausgesprochen gut und hat mich sofort gefangen.

Obwohl lediglich 270 Seiten lang, hätte der Roman an einigen Stellen allerdings etwas Straffung gut vertragen. Auch hat die Autorin dem Roman auf den allerletzten Seiten eine Auflösung der Ereignisse gegönnt, derer es nicht bedurft hätte. Es ist zwar ganz nett, an offene Rätsel einen Haken machen zu können, aber ganz im Gegensatz zum Krimi lebt ein schauriger, unheimlicher Roman, von seinen Unwägbarkeiten und Geheimnissen. Diese Auflösung bildet daher leider einen Fremdkörper.

Trotzdem ist „Verkennung“ von Jane D. Kenting ein wunderbarer, psychologischer Schauerroman, dessen Stimme die Leser/-innen schnell in ihren Bann zieht. Eine packende, nicht alltägliche psychologische Geschichte des Unheimlichen, die ich Freunden und Freundinnen des Genres gerne ans Herz legen möchte.

 

Jane D. Kenting, Verkennung

Taschenbuch, 270 Seiten

Druck: epubli, 2019

ISBN 978-3-7485-5338-0

 

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