Joachim B. Schmidt "Kalmann"
Belletristik,  Krimi

Joachim B. Schmidt, „Kalmann“

Ein einfacher Mensch in einer kargen, verschneiten isländischen Landschaft.

Kalmann Odinnsson ist der bewegende Held in Joachim B. Schmidts Roman und hat man ihn einmal kennen gelernt, lässt er einen so schnell nicht mehr los. Denn Kalman ist ein ganz und gar ungewöhnlicher Held. Er lebt an der rauen Nordküste Islands, in dem abgelegenen, trostlosen 173 Seelen Dorf Raufarhöfn. 33 Jahre alt, bewohnt er allein das alte Haus seines Großvaters. In der Schule ist er gescheitert, besitzt keinen Führerschein und steht unter der Betreuung seiner auswärts lebenden Mutter. In Raufarhöfn wird er als eine Art gutmütiger Dorftrottel wahrgenommen, der irgendwie noch dazugehört. Dieser etwas einfältige, liebenswerte Kalmann ist der Erzähler des nach ihm benannten Romans.

„Meine Mitschüler freuten sich immer auf mein Zeugnis, denn dank mir waren sie nicht die Schlechtesten. Sie lachten dann jedes Mal erleichtert. Ich lachte mit, denn es ist besser, mit anderen zu lachen als der Einzige zu sein, der nicht lacht. Sonst ist man einsam.“

Das Leben ist nicht leicht in Raufarhöfn. Aus dem ehemaligen Fischereizentrum der 60er/70er Jahre, sind die Menschen längst wieder abgewandert. Neben verlassenen Fischverarbeitungshallen, verfallenen Lebertrantanks und alten Barracken, sind nur noch die Menschen geblieben, für die es andernorts keine Perspektiven gibt. Eine Region im Niedergang. Schule, Hotel und Fischereihafen halten sich gerade noch so über Wasser. Ein erstarrter Ort am Polarkreis, umgeben von rauer, unbarmherziger Natur.

„Nun begann es richtig zu schneien, die Flocken fielen aufs Wasser und lösten sich da sofort auf, wurden selber zu Wasser und dadurch Teil des Meeres. Hier draußen ist die Natur so vollkommen wie sonst nirgendwo.“

Und mittendrin Kalmann. Seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdient er mit der Herstellung des „zweitbesten“ Gammelhais der Insel. Eine sehr spezielle, man könnte auch sagen, heftig stinkende Delikatesse. Bei Wind und Wetter fährt Kalmann mit dem alten Boot seines Großvaters aufs Meer hinaus und kontrolliert, ob ein Hai an einem seiner Haken angebissen hat. Kalmann ist lebenstüchtig und auf seine ganz spezielle, einfache Art auch lebensklug. Regelmäßig besucht er seinen dementen Großvater im Altenheim, pflegt seinen Onlinekontakt zu dem Hacker und Nerd Noi und ist sehnsuchtsvoll auf der Suche nach einer Frau fürs Leben. Vielleicht die schöne Nadja, Aushilfskraft aus Litauen?! Kalmann ist der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn und mit seinem Cowboyhut, Sheriffstern und der alten Mauser im Gürtel, wahrlich eine skurrile Erscheinung. Er kommt klar, jedoch ist ihm auch schmerzhaft bewusst, dass er ein Außenseiter ist.

„…früher wusste ich nicht mal, was ein IQ ist. Großvater wusste es zwar, aber er sagte, das sei nichts als eine Zahl, um Menschen in Schwarz und Weiß einzuteilen, eine Messmethode wie Zeit oder Geld, eine Erfindung der Kapitalisten, dabei seien wir alle gleich… „

Eines Tages stolpert Kalmann bei der Jagd auf einen Polarfuchs abseits des Dorfes über eine Blutlache und blutige Spuren im Schnee. Zur gleichen Zeit ist der Unternehmer McKenzie verschwunden. McKenzie ist die große Nummer Eins des Ortes. Ohne ihn, sein Geld und seine Fischfangquoten sähe es in Raufarhöfn noch trister aus. Könnte er Opfer eines Verbrechens geworden sein oder hat ihn vielleicht ein verirrter Eisbär erwischt? Bald ist die Polizei aus dem entfernten Reykjavik vor Ort und auch Kalmann, der Sherriff von Raufarhöfn nimmt die Ermittlungen auf.

Der aus der Schweiz stammende Autor Joachim B. Schmidt, geboren 1981 in Graubünden, lebt und arbeitet seit 2007 auf der Vulkaninsel Island. Und ja, Raufahrhöfen, das nördlichste Dorf Islands, gibt es tatsächlich. Der islandkundige Autor hat sich selbst auf den Weg gemacht und diesen 600 Kilometer von Reykjavik entfernten Ort einige Tage besucht. Seine Erlebnisse hat er in einem ausführlichen, herrlich bebilderten Online-Reiseblog festgehalten. Die Kargheit der Landschaft, die Kälte, das einfache Leben aber auch die Wärme der Bewohner werden im Blog lebendig und ergänzen sich aufs Beste mit der Lektüre des Romans. Diese Begleitung eines Romans mit vertiefenden und auch kommentierenden Online-Informationen, empfinde ich als sehr gelungen und geradezu beispielhaft. Den Leser*innen bleibt es dabei selbst überlassen, ob sie mehr über den Roman erfahren möchten und können auch den Zeitpunkt dafür frei wählen. Eine schöne Möglichkeit für den Autor sich und sein Buch noch näher vorzustellen. Für beide Seiten ideal.

Ich habe den Roman wie gebannt gelesen und konnte ihn kaum aus der Hand legen. Es ist einfach die gelungene Mischung, die die Qualität von „Kalmann“ ausmacht. An erster Stelle ist dafür der Held selbst verantwortlich. Kalman fasziniert einfach. Er selbst bringt selbstironisch den Namen „Forrest Gump“ ins Spiel und liegt dabei gar nicht so falsch. Wie Forrest Gump ist Kalmann weit mehr als ein einfacher, liebenswerter, langsam denkender Simple. Wir lernen Kalmann als eine eindrucksvolle, facettenreiche Persönlichkeit kennen, die nicht durch Klischees sondern mit Grautönen beschrieben wird. Die Klarheit, mit der Kalmann den Widrigkeiten des Lebens und Problemen unserer Zeit begegnet, ist dabei bemerkenswert. Aufgezogen von seinem eigenwilligen Großvater, verfügt er über ein zwar naives, dafür aber klares Wertesystem, dass in seiner Robustheit und Einfachheit beeindruckt und eine oftmals überraschende philosophische Tiefe aufweist.

„Und was da in zweitausend Metern Tiefe vor sich geht, weiß auch niemand. Das wissen nur die Ungeheuer, die da leben. Da unten ist es viel zu dunkel für uns. Dunkler als im Weltall. Darum wissen wir mehr übers Weltall als übers Meer. Auch über die Grönlandhaie wissen wir fast nichts. Sie könnten geradezu Außerirdische sein, und sie sind es vielleicht auch, es würde keinen Unterschied machen.“

Natürlich bringen ihn seine oft sehr eigenwilligen Aktionen regelmäßig in Schwierigkeiten und sind mehr als zweifelhaft, aber gerade das macht den Reiz dieses besonderen Charakters aus. Das ist manches Mal erheiternd, aber nie respektlos gegenüber dem Protagonisten.

Neben dem faszinierenden Kalmann gerät die Handlung des Romans etwas in den Hintergrund. Zu Unrecht, denn „Kalmann“ ist eigentlich ein Kriminalroman. Bis zum sehr gelungenen Finale trägt die spannende Suche nach dem Opfer und den Umständen seines Verschwindens den Roman. Es gibt eine Reihe von Verdächtigen und auch Kalmann selbst ist nicht über jeden Zweifel erhaben.

Unaufgeregt, souverän, mit einer klaren Sprache führt uns der Autor durch das karge Raufarhöfn und den einfachen Alltag seiner wenigen Bewohner. Eine gelungene, realistische Perspektive auf das Leben in der Provinz am Polarkreis vor dem Hintergrund der grandiosen und wilden isländischen Natur.

„Kalmann“ von Joachim B. Schmidt ist ein kluger, spannender und menschlicher Kriminalroman mit einem wunderbaren, faszinierenden Helden. Ganz und gar gelungen.

„So ist das, wenn man ein Held ist: Man muss allen die Hand schütteln. Allen! (…) Bis einem die Finger abfallen!“

 

Joachim B. Schmidt, Kalmann

Hardcover, 349 Seiten

Diogenes Verlag, Zürich

Erstausgabe 2020

ISBN 978-3-257-07138-2

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