Fantasy,  Grusel/Horror

Stephen King, „Schwarz“

Es gibt Romane, bei denen man sich schon nach wenigen Kapiteln entscheiden muss, ob man sie liebt oder ablehnt. Stephen Kings Roman „Schwarz – Der dunkle Turm 1“ gehört ganz eindeutig in diese Kategorie.Wenn man einen Stephen King kauft, geschieht dies in der Regel aus einer ganz konkreten Erwartungshaltung heraus. Der Autor gilt als „Meister des Horrors“ und wer zumindest einige seiner früheren Werke kennt, hat auch recht konkrete Vorstellungen davon, wie ein richtiger „King“ auszusehen hat. Gerade bei Autoren*innen, deren Name auf dem Cover größer abgedruckt ist als der Titel, werden diese Erwartungen auch gerne erfüllt. Mit seinem Roman „Schwarz“ macht Stephen King seinen Lesern*innen allerdings einen Strich durch diese Rechnung.

Der Band bildet den Auftakt des siebenteiligen Romanzyklus „Der dunkle Turm“ und blickt auf eine nicht unkomplizierte Entstehungsgeschichte zurück. Eine erste, eigene Niederschrift fertigte King bereits 1970 an, unmittelbar nach seinem Abschluss auf der University of Maine. Dann, nachdem bereits die Umrisse des gesamten Zyklus Form angenommen hatten, wurden die einzelnen Kapitel des Romans zwischen den Jahren 1978 und 1981 zunächst unabhängig als Novellen im „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ veröffentlicht. Erst 1982 wurden sie zu einem Band zusammengefasst und, bei noch kleiner Auflage, als kompletter Roman „The Dark Tower: The Gunslinger (dt. Der dunkle Turm: Der Revolverheld) veröffentlicht. Bei der mir vorliegenden Ausgabe von 2003 handelt es sich wiederum um eine „Erweiterte und überarbeitete Neuausgabe“. Nachdem King den gesamten Zyklus 2003 vollendet hatte, überarbeitete er den ersten Roman „Schwarz“ recht umfassend und passte ihn in Stil und Inhalt den übrigen, späteren Romanen des Zyklus an. 35 Seiten (amerikanische Ausgabe) kamen nach seinen eigenen Worten hinzu. In dieser abschließenden Fassung ist der Roman heute erhältlich.

Ganz im Gegensatz zu den klassischen Stephen King Romanen lauert in „Schwarz“ nicht das Grauen versteckt im bekannten Alltäglichen. Vielmehr hat King den wagemutigen Versuch unternommen, verschiedene völlig unterschiedliche Genres miteinander zu vereinen. Die mittelalterliche Heldenreise, der Italowestern, Shakespeare, Poe und nicht zuletzt Tolkien, bilden als wilde Mischung den Hintergrund des Romans. Dessen Geschichte ist schnell erzählt: Roland von Gilead ist der letzte aus der alten Gilde der Revolvermänner. Unter Qualen und Entbehrungen verfolgt er den dämonischen „Mann in Schwarz“ durch eine leere, mittelalterähnliche, sterbende Welt. Eine unheimliche Reise, eine Queste, deren Abschluss an den Grundfesten des Universums zu rütteln scheint.

Das Buch ist sicher kein Horrorschocker. Eine merkwürdige, seltsam entrückte Atmosphäre liegt über dem Roman, der dadurch eine Prägung ganz eigener Art erfährt. An dieser Stelle komme ich zurück auf die Problematik der Erwartungshaltung. Da ich natürlich einige Bücher (und auch Spielfilme) Stephen Kings kenne, war ich von dieser unerwarteten Stimme des Romans und dem gewagten Genre-Mix völlig überrascht. Herr der Ringe von Sergio Leone?! Was für eine seltsame Welt! Ich hatte natürlich ganz anderes erwartet. Einen richtigen King! Schnell kam ich an den Punkt, an dem ich das Buch zur Seite legte und mir die Frage stellen musste, ob ich mich auf diesen speziellen Stil einlassen kann bzw. möchte, oder die Lektüre stattdessen lieber abbreche. Ich muss zugeben, dass an dieser Stelle die überlieferte Aussage Stephen Kings, es handele sich bei der „Der dunkle Turm“ Reihe um sein wichtigstes Werk, letztendlich dafür verantwortlich war, die Lektüre fortzusetzten. Und tatsächlich, nach diesem Entschluss, mich auf den merkwürdigen Roman voll und ganz einzulassen, erreichte mich dieser plötzlich. „Schwarz“ ist speziell, aber ganz im positiven Sinne. Es ist ein besonderer, keinesfalls alltäglicher Roman, der ganz sicher eine bereichernde Lektüre sein kann. Ich bin sehr froh, dabeigeblieben zu sein und freue mich schon auf die weiteren Bände der Saga.

 

Stephen King, Schwarz – Der dunkle Turm 1

EBook, TB-Ausgabe 353 Seiten

Wilhelm Heyne Verlag, München

OA 1982 / 2003

ISBN 978-3-89480-393

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