Judith Merchant - Schweig! Aktueller Roman
Thriller

Judith Merchant, „Schweig!“

Der Roman „Schweig!“ von Judith Merchant ist nicht nur ein spannender Psychothriller, sondern geradezu ein Lehrstück, welch furchtbare Verwüstungen missglückende Kommunikation in zwischenmenschlichen Beziehungen anrichten kann.

„Niemand kann Weihnachten entkommen. Wer behauptet, Weihnachten sei ein Tag wie jeder andere, lügt. Man muss sich Weihnachten stellen und auch der Angst, die an Weihnachten wiederkommt. Der Angst, dass es nicht schön wird. Der Angst vor einem Geschenk, das offenbart, dass der andere einen nicht kennt. Oder zu gut kennt. Der Angst, dass es Streit gibt. Der Angst, dass man sich einsam fühlt. Der Angst, dass jemand durchdreht. Und der schlimmsten Angst: davor, dass man zu viel an früher denkt.“

Es ist der Tag vor Heiligabend. Esther und ihr Ehemann Martin stehen im Weihnachtsstress. Für Esther gehört zur glücklichen Bilderbuchfamilie auch ein perfektes Fest. Plätzchen, Kinder, Kirche, Baum. Alles muss gelungen sein. Wie gewohnt hält sie alle Fäden in der Hand. Früh am Morgen setzt sie sich noch ins Auto, um das Weihnachtsgeschenk für ihre Schwester Sue abzuliefern. Das Verhältnis der Schwestern kann zumindest seit dem letzten Weihnachtsfest als zerrüttet bezeichnet werden. Die kinderlose, geschiedene Sue lebt in einer modernen, abgelegenen Villa tief im Wald. Handynetz und Internet gibt es hier nur gelegentlich. Eine Aussteigerin und Einzelgängerin. Seit genau einem Jahr hatten beide Schwestern keinen Kontakt mehr zueinander.

Esther ist wie immer in Sorge um Sue. Ist bei ihr alles in Ordnung? Nimmt die labile Schwester auch regelmäßig ihre Tabletten? Kommt sie in der Einsamkeit überhaupt zurecht? Ganz sicher braucht sie Hilfe. Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, wieder den Kontakt zu suchen.

„Ich bin eine große Schwester. Ich bin nicht für Vertrauen da, sondern für Kontrolle. Das ist ein Drecksjob, den große Schwestern erledigen müssen. Vertrauen ist für die anderen.“

Völlig überrumpelt bleibt Sue nichts anderes übrig, als Esther einzulassen. Der Besuch ist ihr gar nicht recht. Wie immer fühlt sie sich von Ester überrannt, bedrängt und kontrolliert. Sues Gedanken kreisen ausschließlich darum, Ester möglichst schnell wieder loszuwerden.

„Zehn Minuten mit meiner Schwester in der Küche sitzen, dreimal lächeln, dreimal nicken, dreimal »Wirklich?« sagen. Und dann ist es überstanden, optimistisch gedacht habe ich dann ein Jahr Ruhe vor ihr.“

Abgründe tun sich auf. Die Beziehung der Schwestern ist geradezu toxischer Natur. In den folgenden 24 Stunden werden Dinge gesagt, die lange unausgesprochen waren. Worte, die nicht mehr zurückgenommen werden können. Sätze, die unmittelbare Folgen für alle haben. Alles gerät in Bewegung.

Ich dachte lange Zeit, dass die Rollen zwischen uns klar verteilt seien. Ich die Schöne, sie die Schlaue. So war es in unserer Kindheit, so ist es geblieben. Ich fand das immer ausgewogen, aber das bedeutet ja nicht, dass meine Schwester das genauso sieht. Vielleicht passen die Rollen doch nicht so gut, wie ich immer dachte, zumindest für meine Schwester scheinen sie nicht mehr zu stimmen.“

Der Roman ist konsequent als Kammerspiel angelegt. Einziger Schauplatz ist die moderne, spartanisch eingerichtete Villa im Wald. Die gesamte Handlung beschränkt sich zudem auf die kurze Zeit des Treffens der beiden Schwestern, deren Auseinandersetzung ganz im Zentrum des Geschehens steht.

Typisch für ein Kammerspiel, entwickelt sich der Handlung fast ausschließlich durch die Kommunikation zwischen den beiden Schwestern. Und die hat es wirklich in sich. Bereits nach den ersten Seiten ist man als Leser*in erschüttert, in welchem Ausmaß Esther und Sue aneinander vorbeireden bzw. die Motive und Absichten des Gegenübers falsch interpretieren. Immer wieder scheitern ihre Versuche, die Aussagen der anderen richtig zu deuten. Beide sind in ihrer eigenen Welt und Sicht der Dinge gefangen, komplett unfähig sich in die Situation und Gefühlswelt der anderen einzufühlen.

Besonders anschaulich wird dieser fatale Kommunikationsverlauf durch den ständigen Wechsel der Erzählperspektive. Diese springt von Kapitel zu Kapitel zwischen den beiden Schwestern hin und her. Dabei überschneiden sich die kurzen Kapitel, denen jeweils der Name der Erzählerin vorangestellt ist, so dass einzelne Situationen immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt werden können. Der Roman ist geradezu ein Paradebeispiel für das Fehlschlagen zwischenmenschlicher Kommunikation, so dass man sich unweigerlich an verschiedene psychologische Kommunikationsmodelle erinnert fühlt, deren nähere Kenntnis den Schwestern ganz sicher zuträglich gewesen wäre.

Zudem merkt man schnell, dass es sich bei Esther und Sue um sehr unzuverlässige Erzählerinnen handelt, deren Schilderungen immer ganz ihrer eigenen vorbelasteten Welt verhaftet sind. Kann man ihren Schilderungen der Ereignisse trauen?

»Entschuldige, das habe ich nicht böse gemeint.« »Warum nicht? Es ist egal, ob du es böse meinst, sag einfach was du denkst. Sag es ruhig. Ich sage jetzt auch mal was ich denke, okay? Dafür sitzen wir jetzt hier. Dafür haben wir die Flasche aufgemacht. Zur Feier des Tages.“

Abseits der spannenden Dialoge werden immer wieder kurze Kapitel zur Vergangenheit der Beteiligten eingestreut. Ebenfalls aus jeweils wechselnden Erzählperspektiven. Mit jeder dieser Episoden erfahren wir im Verlaufe des Romans mehr über den Hintergrund der Schwestern. Einzelheiten zu ihrer Entwicklung und ihren Traumata. Das Bild des komplizierten Beziehungsgeflechts beginnt sich zu vervollständigen.

Die sehr gelungenen psychologischen und kommunikativen Aspekte des Romans sind keinesfalls nur Selbstzweck, sondern wurden von Judith Merchant geschickt mit einer spannenden Thriller-Handlung verwoben. Wie es sich für einen Thriller gehört, werden die Leser*innen wiederholt auf falsche Fährten geschickt. Was haben Esther und Sue zu verbergen. Wer spielt hier ein falsches Spiel? Oder etwa beide? Nähere Einzelheiten zur Handlung können ohne Spoilergefahr an dieser Stelle leider nicht verraten werden.

Der Roman ist straff, dynamisch und spannend erzählt. Ein auf das Wesentliche reduziertes, spielfilmartiges Szenario. Bedrohliche Andeutungen, überraschende Wendungen, Cliffhanger, explizite Action und ein packendes Finale. Alles vor dem Hintergrund hintersinniger Dialoge und einer differenzierten psychologischen Ausarbeitung der Protagonistinnen. Sehr gut und stimmig gemacht. „Schweig!“ von Judith Merchant ist ein unkonventioneller, rundherum gelungener Psychothriller!

„Ich flüstere: »Bin ich wirklich so schlimm?« Sie sieht mich an, und dann nickt sie. »Schlimmer«, sagt sie.“

 

Judith Merchant, Schweig!

Paperback, 347 Seiten

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Erstausgabe 2021

ISBN 978-3-462-00133-4

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