Die Paradiese von gestern
Belletristik

Mario Schneider, Die Paradiese von gestern

Mario Schneider, „Die Paradiese von gestern“ – [Werbung, weil kostenloses Rezensionsexemplar]

 

„Sie fuhren in eine neue Welt, um eine alte darin zu finden.“

Ella und René, ein junges Paar aus Ostdeutschland, verbringen im Jahr nach der Wende ihren ersten Sommer in Südfrankreich, dem Land ihrer Träume. Sie sind nicht auf der Suche nach dem Glanz des goldenen Westens, sondern nach dem Frankreich des Balzac, Flaubert und Maupassant. Als sie eines Abends bei einem Besuch der „Düne von Pilat“ in ein Unwetter geraten, führt sie ihr überhasteter Aufbruch, nahe Bordeaux weit abseits der Hauptstraßen, zu dem alten und maroden Schlosshotel, „Chateau de Violet-Hascardin“, auf dem die betagte Aristokratin Charlotte de Violet residiert.

Trotz ihrer spärlichen finanziellen Möglichkeiten, erhält das junge Paar mitten in der Nacht Einlass und ein fürstliches Zimmer. Offenbar sind sie die einzigen und auch letzten Gäste dieses alten traditionsreichen Hauses, das nur noch von der Gräfin und ihrem vertrauten Diener Vincent bewohnt wird. Nach dem Erwachen am nächsten Tage fällt bei Licht betrachtet auf, dass das Chateau schon weitaus bessere Zeiten gesehen hat. Auch wenn ein Aufbäumen gegen den fortschreitenden Verfall der Zeit noch zu erkennen ist, lässt sich nicht übersehen, dass von den verbliebenen beiden Bewohnern nur noch wenige Räume genutzt und unterhalten werden können. Das Anwesen befindet sich im Verfall und die Gräfin und ihr Diener scheinen einer längst vergangenen Zeit verhaftet zu sein.

Zur ihrer großen Überraschung werden Ella und René gleich am ersten Abend von der vornehmen und unnahbaren Gräfin Charlotte de Violet, zu einem opulenten Abendmahl eingeladen. Es findet in aller Form im Speisesaal statt. Ella und René sind die einzigen Gäste. Die Gräfin, erscheint merkwürdig entrückt. Es entfaltet sich eine förmliche Konversation über die Geschichte des Chateaus und den Weinbau, sowie das Leben des jungen Paares in der DDR.

„Das da draußen verlangt dem, der es ernst meint alles ab, was er hat, nämlich sein Leben. Fünfzehn, zwanzig Jahre, bis die Stöcke einen ersten eigenen Geschmack aus dem Boden ziehen, die Wurzeln müssen tief in den Kies hinein, bis zum Kalk hinunter. Und je schwerer sie es haben, umso besser wird der Wein, mit einem Charakter, der unvergleichbar sein wird. Ich kann Weine wie auch Menschen ohne Charakter nicht ertragen.“

Niemand ahnt, dass Charlotte zu diesem Zeitpunkt längst mit ihrem Leben abgeschlossen hat und am Ende dieses letzten großen Abends aus dem Leben scheiden will. Unvermittelt wird das Essen jedoch durch die Ankunft Alains unterbrochen. Der Sohn der Gräfin ist Immobilienmakler. Ein Mann des Geldes, der schon lange nicht mehr auf dem alten Chateau lebt und sich stattdessen in der reichen Gesellschaft von Paris bewegt. Zwischen ihm und seiner Mutter herrschen ganz offensichtlich schon länger beträchtliche Spannungen. Die Situation eskaliert, als Alain erfährt, dass das Vermögen der de Violets restlos verbraucht ist und das Chateau unmittelbar vor dem Zwangsverkauf steht. Es kommt zum Streit. Aber auch in der Beziehung von Ella und René treten an diesem Abend bisher verborgene Brüche zu Tage. Man zieht sich zurück und am nächsten Tag begleitet René Alain für mehrere Tage nach Paris, wo ihn dieser in die High Society einführt. Ella dagegen bleibt zurück auf dem Chateau und nimmt sich eine Auszeit. Immer tiefer taucht sie ein in die Welt der de Violets und ihres Dieners Vincent.

In der Entrücktheit des südfranzösischen Chateaus lässt der Autor zwei Gesellschaftsordnungen aufeinandertreffen, die jede auf ihre eigene Art und Weise bereits dem Untergang geweiht sind. Mario Schneider ist Jahrgang 1970, geboren in Neindorf in der Magdeburger Börde. Als gelernter Metallurge für Hüttentechnik studierte er Philosophie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Klavier. Mehrfach ausgezeichnet lebt er als Autor, Filmkomponist und Regisseur in Halle (Saale). So vielseitig und tiefgreifend wie dieser Werdegang, zeigt sich auch der Hintergrund und Plot seines Romans.

Charlotte de Violet gehört zum alten französischen Adel. Abgeschottet und streng getrennt von den Sphären der einfachen Gesellschaft. Familien, die in Jahrhunderten dachten und nach eigenen Regeln lebten. Gefangen in einem Kokon aus Tradition, Stolz und Distanziertheit. Vertreterin einer untergehenden, verblassenden Welt.

Ella und René dagegen sind geprägt von ihren Erfahrungen als Bürger*in der DDR. Teile des real existierenden Sozialismus. Die exakt gegensätzliche Idee einer Gemeinschaft unter Gleichen. Spätestens jetzt nach der Wende ebenfalls eine untergehende, verblassende Gesellschaftsordnung.

„Ohne das Gestern werden Sie nie das Heute erleben.“

In dem abgelegenen alten Chateau scheint die Zeit still zu stehen. Die lebenshungrige, gefühlvolle, intensive Ella und der förmliche, beherrschte, tiefgründige Diener Vincent, kreisen als Gegenpole umeinander. Sie sind fasziniert von der Welt des/der jeweils anderen. Mit großem Respekt und Sympathie nähern sie sich dem Wesen, der Würde aber auch der Härte und den Verfehlungen ihrer fremden vergehenden Welten. Aus Distanziertheit wächst Vertrauen und immer mehr fällt dabei auch ein ganz neues Licht auf ihre eigenen Leben, ihre Lieben und ihre Zukunft.

„»Ich weiß jetzt, was ich tun muss«, sagte sie. »Und jetzt kommt das Verrückte«, sie machte eine kurze Pause und sagte dann mit Nachdruck: »Ich muss lernen, was Sie am besten von allen Menschen, die ich kenne, beherrschen.« »Und was wäre das?«, fragte Vincent erstaunt. »Geduld. Geduldig sein.« (…) »Was Sie, glaube ich, brauchen, ist das, was ich zu viel habe.« Vincent dachte nach, dann sagte er: »Sie meinen die Ungeduld?« »Das ist es! Ist es nicht verrückt, dass wir uns begegnet sind? Jeder mit dem falschen Wort in der Tasche? Und wir müssen nur tauschen.«“

Das Chateau ist Schauplatz und Kulisse der Abschiede von vergangenen Zeiten und gleichzeitig auch der Aufbrüche. Aufbrüche in die neue Zeit des überwältigenden Kapitalismus, dessen Radikalität und Anziehungskraft leider wenig Verheißungsvolles offenbart. Alain und René geben sich dieser neuen Zeit hin und verbringen einige rastlose Tage in der Pariser Gesellschaft. Ewige Party; oberflächliches Sehen-und-Gesehen-werden; Zurschaustellung von Geld und Luxus; Drogen und exzessive Individualität. Die neue Zeit ist wahrlich in ein beunruhigendes Licht getaucht. Eine Welt, die in Alain und René ihre Spuren hinterlässt.

„Ich habe ein Leiden, ich leide unter chronischer Langeweile. Du wirst sagen, dass die Langeweile reicher Menschen kein Leiden ist, aber da irrst du dich, dazu kennst du sie zu wenig.“

Mario Schneider ist ein meisterhafter Erzähler. In unaufgeregter, klarer, aber auch poetischer Sprache lässt er die Leser*innen an den Beziehungen und Entwicklungen seiner Charaktere teilhaben. Gleichzeitig gelingt es ihm, die Geschichte des Chateaus, des Dorfes und der Familie de Violet, behutsam auszubreiten. Der Roman ist erfüllt mit klugen Gedanken, Beobachtungen und Reflexionen. Alles im Dienst der Geschichte und an seinem Platz. Sehr beeindruckt hat mich daneben auch die traumhaft anmutende Atmosphäre des Romans, die das alte Chateau in der herrlichen südfranzösischen Landschaft zu einem Sehnsuchtsort werden lässt. Die Handlung des Romans und seine elegante Bildersprache fügen sich zu einer filmisch anmutenden, gelungenen Dramaturgie, was in Anbetracht der Vita des Autors sehr stimmig ist.

„Nein wirklich, ich glaube es wird sich alles verändern. Es wird sich alles wahnsinnig verändern und nichts mehr übrig bleiben von dem, was war; nichts von dem, was wir kennen.“

Mario Schneider ist mit „Die Paradiese von gestern“ ein tiefgründiger, poetischer und glänzend erzählter Roman gelungen. Eine elegante Geschichte über das Vergehen der Zeit, den Abschied und vor allem über die Liebe. Eine wunderbare, bereichernde Lektüre, die ich uneingeschränkt empfehlen möchte.

 

Mario Schneider, Die Paradiese von gestern

Hardcover, 553 Seiten

mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle

Originalausgabe 2022

ISBN 978-3-96311-614-8

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