Jugendliteratur,  Science-Fiction

Schneider Jugendbuchreihe „Commander Perkins“ – Eine Hommage

Eine Liebeserklärung an die erste Science-Fiction-Reihe meiner Jugend.

Vor einigen Wochen fiel mir wieder ein Band der Jugendbuchreihe „Commander Perkins“ in die Hände. Die Anfang der 80er Jahre im Franz Schneider Verlag erschienene, großartige Science-Fiction-Serie hat schon in jungen Jahren meine große Begeisterung für dieses Genre und ganz sicher auch den „Nerd“ in mir geweckt.

In einem Vorort des Ruhrgebiets weitab von jeder Buchhandlung wohnend, kaufte ich meine Lektüre der Kinderzeit standesgemäß in einem kleinen Tante-Emma-Laden um die Ecke. Dieser war literarisch gut sortiert, da er über einen wunderbaren Drehständer für „Schneiderbücher“ verfügte. Damals hatte man als Kind nicht die Möglichkeit, die gesuchten Titel beim Buchhändler zu bestellen, sondern man besuchte regelmäßig den Einkaufsmarkt, um keine der neuen Buchlieferungen zu verpassen. Da von jedem Exemplar meist nicht mehr als zwei Bände bestellt wurden, musste man auch regelmäßig vorbeischauen, um bei sich bietender Gelegenheit sofort zugreifen zu können. Wurde diese Chance verpasst, konnte es viele Monate dauern, bis der gewünschte Band wieder im Sortiment zu finden war. Wenn überhaupt.

Die Schneiderbücher sind sicherlich noch jedem Kind der 80er ein Begriff. In dem damals recht überschaubaren Markt für Kinderbücher waren sie ein Schwergewicht und durch den niederschwelligen Vertrieb in den Einkaufsmärkten leicht zugänglich. Der Franz Schneider Verlag wurde zu dieser Zeit als Familienbetrieb geführt. Sein Schwerpunkt lag auf dem Druck und Vertrieb von Kinderbüchern. Legendäre Kinderbuchreihen wie Hanni und Nanni, Burg Schreckenstein, Bibi Blocksberg und nicht zuletzt auch Commander Perkins hatte er im Programm.

Schneiderbücher waren alle einheitlich gestaltet und auf den ersten Blick sofort erkennbar. Die kleinen, meist um die 120 Seiten starken Bände hatten allesamt einen weißen Buchrücken. Unten prangte als Verlagslogo das rote „Schneider-S“, ganz oben war immer eine Altersempfehlung aufgedruckt. Für die Commander Perkins Reihe lautete diese Empfehlung „11-14“ Jahre, was mich aber nicht davon abhielt, die Romane schon früher zu lesen. Eine aus heutiger Sicht sehr befremdliche Besonderheit war der Umstand, dass neben der (nicht sehr wirksamen) Altersempfehlung auf den Buchrücken auch eine deutliche Einordnung als „Mädchen-“ oder „Jungenbuch“ getroffen wurde. Je nach Titel war über der Altersempfehlung zusätzlich noch ein „M“ bzw. ein „J“ aufgeführt. Als wäre das nicht genug, war darüber hinaus der Name des Autors bzw. der Autorin bei den sogenannten „Mädchenbüchern“ in rosa und den sogenannten „Jungenbüchern“ in hellblau auf den Buchrücken ausgeführt. Dies entsprach zwar ganz sicher dem Geist der damaligen Zeit, ist allerdings aus heutiger Perspektive vollkommen unangemessen. 

Nichtsdestotrotz hatte der Franz Schneider Verlag nicht nur große Buchreihen, sondern auch äußerst interessante Autoren/-innen zu bieten. Zu den bekanntesten zählte neben Enid Blyton sicherlich auch ein gewisser Hans Gerhard Franciskowsky. Franciskowsky (*1936 in Itzehoe, +2011 in Hamburg) ist sicher besser bekannt unter seinen Pseudonymen „H.G. Francis“ oder wie in der Commander Perkins Reihe „H.G. Francisco“. Er zählt zu den prägendsten und produktivsten deutschen Science-Fiction Autoren und ist Verfasser zahlreicher SF-Romane und Jugendhörspiele. Besonderes herausragend ist daneben aber seine ausgesprochen produktive und bedeutende Tätigkeit als Autor der Perry Rhodan Heftroman-Serie. Bei dieser bereits seit dem Jahr 1961 ununterbrochen wöchentlich erscheinenden Serie handelt es sich schließlich um die unbestritten erfolgreichste und größte Science-Fiction- und Heftroman-Serie der Welt. Franciskowsky war hier sehr bedeutend und steuerte in dreißig Jahren seiner Tätigkeit insgesamt 304 Heftromane bei.

Die kleine Commander Perkins Schneiderbuch-Reihe lag ihm allerdings auch sehr am Herzen. Sie spielt einige Zeit in der Zukunft. Die Menschheit betreibt auf dem Mond eine Station namens Delta-4. Der dort tätige Wissenschaftler Professor Dr. Common hat, unterstützt von seiner Tochter Cindy, ein absolut revolutionäres Transportmittel, genannt „Der Dimensionsbrecher“ entwickelt. Tatsächlich ist der Dimensionsbrecher auch der heimliche Star der Buchreihe. Mittels dieses Geräts ist die Menschheit in der Lage, Personen und Material über große interstellare Entfernungen ohne Zeitverlust an einen beliebigen Ort zu befördern und wieder zurückzubringen. Commander Randy Perkins, sein Freund Major Peter Hoffmann, der telepathisch begabte fünfzehnjährige Sohn des Professors Ralf Common und der ausgesprochen fähige humanoide Roboter Camiel unternehmen mit dem noch in der Entwicklungsphase befindlichen Dimensionsbrecher den Sprung zu fremden Planeten und weit entfernten Galaxien.

Dies ist auch bitter nötig. Wiederholt kann die Menschheit nur durch den Einsatz des Teams gerettet werden. Franciskowskys Idee des Dimensionsbrechers erweist sich als genial. Er verschafft sich durch diesen Kunstgriff die notwendigen Freiheiten, in den recht wenige Seiten umfassenden, stark handlungsorientierten Jugendromanen, unmittelbar ohne viel Zeit und Seiten zu verlieren, mitten ins Geschehen springen zu können. Zudem eröffnet dieser Kniff ihm als Autor auch weitreichende Möglichkeiten, sehr unterschiedliche, abwechslungsreiche Romanszenarien zu entwerfen.

So sind die Abenteuer der Buchreihe tatsächlich äußerst vielseitig. Ein roter Nebel lässt die Menschen auf der Erde verschwinden, Ralf Common wird auf telepatischem Wege in eine andere Galaxie gelockt, eine weganische Raumflotte will die Erde vernichten und Zeitreisen werden unternommen. Die Menschheit stößt auf eine interstellare Supermacht, die das „Mittlere Auge“ genannt wird und die Koordinaten der Erde ausfindig machen will. Planeten werden zerstört und der Dimensionsbrecher manipuliert. Am Ende geht es um nichts weniger als die Unsterblichkeit.

Auch den telepatischen und anderen paranormalen Fähigkeiten kommt eine große Bedeutung zu. Um diese und noch viele weitere spannende SF-Themen drehen sich die Geschichten, denen ausnahmslos anzumerken ist, dass hier ein äußerst erfahrener SF-Autor am Werk war. Es handelt sich durchgängig um anspruchsvolle Science-Fiction Literatur mit klassischen SF-Plots, die sich aber ganz klar an Jugendliche richtet und ausdrücklich für diese verfasst wurde.

Dabei merkt man Franciskowsky seine Tätigkeit für die große Perry Rhodan Heftromanserie an vielen Stellen deutlich an. Kennern des Perry Rhodan Universums wird schnell auffallen, dass die Hauptpersonen Perkins, Hoffman und Professor Dr. Commen den Hauptcharakteren der frühen Perry Rhodan Hefte (Rhodan, Bully und Crest) nachempfunden sind. Auch das Thema der paranormalen Fähigkeiten, insbesondere die telepathischen Kräfte bei Ralf Common, ist klar dem Mutantencorps aus Perry Rhodan entlehnt. Das „Mittlere Auge“ erinnert an die „Meister der Insel“ und natürlich ist auch das Motiv der Unsterblichkeit ein Kernstück der Perry Rhodan Serie. All diese Parallelen sind allerdings keinesfalls von Nachteil. Die ungeheure Vielseitigkeit der gigantischen Perry Rhodan Serie wird insgesamt (natürlich nur die Anfangsjahre betreffend) sehr gelungen auf die kleine Commander Perkins Reihe übertragen und in eine für Jugendliche leicht konsumierbare Form gebracht. Das ist ganz klar ein Gewinn. So sticht die Commander Perkins Reihe auch ganz besonders positiv aus den vergleichbaren SF Romanen für Jugendliche dieser Zeit heraus. Sie bietet auf unterhaltsame Art klassische, sehr gut durchdachte und äußerst vielseitige Science-Fiction.

Parallel zur Schneider Romanreihe, wurde Ende der 70er auch eine neunteilige Commander Perkins Hörspielreihe bei „Europa“ produziert, die derzeit wieder bei einem Streaminganbieter im Programm ist. Sie umfasst zwei ganz eigenständige Zyklen, die die Romanreihe ergänzen aber sich nicht mit ihr überschneiden.

Leider sind die Schneiderbücher heute nicht mehr erhältlich. Es gibt allerdings noch zahlreiche Gelegenheiten, sie auf dem Markt für gebrauchte Bücher zu erwerben. Ich selbst werde mich von meinen alten Exemplaren ganz sicher nicht trennen. Wenn ich auch viele meiner Kinderbücher zwischenzeitlich verschenkt habe, gehört die Commander Perkins Reihe zu den Büchern, die ich nicht abgebe, da sie mir viel bedeutet haben. Die Themen dieser gut gemachten Serie sind auch heute keinesfalls verstaubt. Natürlich weisen die Romane einige, für die damalige Zeit typische Klischees und veraltete Rollenbilder auf. Dies sollte bei der Lektüre vergegenwärtigt werden. Trotzdem kann und möchte ich die Commander Perkins Romanreihe auch heute noch als Lektüre für Jugendliche empfehlen.

Exemplarischer Titel für die gesamte Buchreihe:

H. G. Francisco, Commander Perkins – Der rote Nebel

Hardcover, 121 Seiten

Franz Schneider Verlag, 1979

ISBN 3-505-07928-6

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