Fantasy

Scott Lynch „Die Lügen des Locke Lamora“

Es war für mich wieder an der Zeit einen Fantasyroman zu lesen. Nicht zuletzt seit meiner Vergangenheit als Pen and Paper Rollenspieler habe ich ein Faible für Fantasy-Szenarios und versuche bei diesem Genre auf dem Laufenden zu bleiben. Anlässlich einer Unterhaltung auf Twitter wurde ich auf den Roman „Die Lügen des Locke Lamora“ von Scott Lynch aufmerksam. Es ist die Geschichte des Locke Lamora, eines selbsternannten „Gentlemen-Ganoven“, der in der düsteren, mittelalterlichen Stadt Camorr sein Unwesen treibt und die wohlhabenden Aristokraten um ihre Schätze und Reichtümer bringt.

Für einen Fantasyroman eigentlich ein sehr interessantes, frisches Szenario. Die sympathisch geschilderte Bande der Gentlemen-Ganoven um Locke Lamora hat den ganz großen Coup geplant. Einer der führenden Aristokraten der Stadt soll um den Großteil seines Vermögens erleichtert werden. Zu diesem Zweck wurde ein besonders raffinierter, betrügerischer Plan ausgearbeitet. Für die schlauen und anspruchsvollen Ganoven kommt natürlich nur eine Täuschung erster Klasse in Betracht. So raffiniert und verschlagen, dass für den Erfolg ein Rädchen perfekt ins andere greifen muss.

Alles ereignet sich vor den Kulissen der mittelalterlichen Küstenstadt Camorr. Sie bildet das Zentrum eines eigenständigen Herzogtums, in dem das Leben und ganz besonders auch das Verbrechen pulsieren. Der dem normalen Alltag völlig entrückte Adel hat mit den die Stadt beherrschenden Verbrecherbanden ein geheimes Stillhalteabkommen getroffen, das dafür sorgt, dass sich beide Seiten nicht behelligen und nur in den eigenen Sphären operieren. Allein die gewieften Gentlemen-Ganoven um Locke Lamora halten sich nicht an dieses Abkommen. Auf den Straßen Camorrs herrschen bittere Armut, Seuchen und allgegenwärtige brutale Kriminalität. Über sämtliche Banden gebietet der gefürchtete und allmächtige Patron Capa Barsavi. Er hält alle Fäden der Kriminalität in der Hand. Wer ihm die Gefolgschaft verwehrt, ist des Todes.

Die schlauen Gentlemen-Ganoven haben sich mit diesen stabilen Verhältnissen sehr gut arrangiert. Ihr großer Coup, der dem Stillhalteabkommen völlig entgegenläuft, entwickelt sich plangemäß. Doch plötzlich taucht in der Stadt ein neuer mächtiger Gegner auf, der den großen Patron Capa Barsavi herausfordert und das gesamte Gleichgewicht der Stadt ins Wanken bringt. Der große Coup der Gentlemen-Ganoven läuft immer mehr aus dem Ruder und sie geraten in den Focus einflussreicher Gegenspieler.

Der Roman „Die Lügen des Locke Lamora“ bringt erst einmal alles mit, was man von einem guten Fantasy-Schmöker erwartet. Das Szenario eines großen raffinierten kriminellen Coups einer sympathischen und intelligenten Gaunertruppe ist im Bereich der Fantasy relativ unverbraucht und auch sehr interessant. Es erzeugt eine große Spannung, die Gauner bei der Vorbereitung und Durchführung zu begleiten. Die Raffinesse, mit der sie ihren Plan ausführen und auf unvorhergesehene Schwierigkeiten reagieren ist beeindruckend und macht den Roman sehr kurzweilig. Auch die Kulisse der Stadt Camorr hat einen ganz besonderen Charme. Mit ihren vielen Kanälen und verwinkelten Gassen ist sie eng der Stadt Venedig nachempfunden. Dies bestätigt auch der gelungene Einband der Heyne Taschenbuchausgabe, auf dem die düstere Seufzerbrücke in ein wunderschönes verwinkeltes Stadtpanorama eingearbeitet wurde. Geschickte angereichert durch fein dosierte fantastische Elemente ist dieser mysteriöse Schauplatz des Romans ausgesprochen gut gelungen.

Scott Lynch ist zudem ein versierter Erzähler. Es dauert nicht lange, bis die Lesenden ganz in den Bann der düsteren geheimnisvollen Stadt gezogen werden. Der Roman ist zudem handwerklich ordentlich gemacht. Die Erzählung wechselt im Wesentlichen zwischen zwei Zeitebenen hin und her. In der ersten wird die Entwicklung des mittellosen ungebildeten Waisenkindes Locke Lamora zum perfekten Meisterdieb geschildert. Die zweite Ebene widmet sich dagegen der Gegenwart und dem Verlauf des aktuellen Coups. Alles kurzweilig, spannend und sauber gemacht. So weit so gut.

Leider bleibt der Roman bei allem handwerklichen und erzählerischen Geschick jedoch seltsam an der Oberfläche. Dies liegt zum großen Teil an der völligen Schablonenhaftigkeit und Eindimensionalität sämtlicher Charaktere. Sowohl die Helden der Geschichte als auch ihre Gegenspieler entsprechen derart vollständig den einschlägigen Abenteurer-, Schurken- und Fantasy- Klischees, dass man sich verwundert die Augen reibt. Ganz im Gegensatz zum innovativen Szenario und der vielversprechend ausgearbeiteten Stadt Camorr, sind die Protagonisten allesamt flach geraten und bieten keinerlei emotionale Tiefe oder gar Überraschungen.

— Spoilergefahr —

Gleiches gilt auch für die Handlung des Romans. Wie gesagt, ist hier handwerklich alles gut gemacht. Lynch kann ergreifend und spannend erzählen. Routiniert wird die Handlung auf zwei Zeitebenen ausgebreitet und nach jedem Kapitel mit spannenden Cliffhängern gearbeitet. Trotz geschickter Volten bei der Ausführung des Coups wird aber insgesamt hauptsächlich auf die klassischen Versatzstücke hinlänglich bekannter Fantasyromane zurückgegriffen. Aufstieg des mittellosen Helden, Etablierung mit einigen Komplikationen, auf dem Höhepunkt der Entwicklung einige Rückschläge und dann der Niederlage nahe, in letzter Minute die Vereitelung der Pläne des Gegners mit actiongeladenem Finale inklusive „Bosskampf“. Alles wie aus dem Lehrbuch. Dagegen ist grundsätzlich ja auch nichts einzuwenden. Unter Berücksichtigung der vielversprechenden Anlagen des Romans ist diese einfallslose Abfolge jedoch eine Enttäuschung. Von Beginn bis zum Ende sehr vorhersehbar und bereits aus einer Vielzahl anderer Fantasy- und Abenteuerplots bekannt.

Jetzt kann natürlich eingewendet werden, dass es sich bei dem Roman schließlich um den Einstieg in eine größere Reihe handelt und weitere Komplexität und Ausarbeitung späteren Bänden vorbehalten ist. Aus meiner Sicht wäre das zwar sehr positiv, vermag aber nichts daran zu ändern, dass hier ein Roman als Einzelstück vorgelegt wurde und er sich ohne einen ausdrücklichen Hinweis auf einen Fortsetzungsband auch als Einzelstück bewerten lassen muss.

Alles ist am Ende dann wie immer eine Frage der Erwartungshaltung der Käufer*innen des Buchs. Wer eine leichte, spannende Lektüre sucht, einen dicken sympathischen Schmöker, einen kurzweiligen Pageturner für Zwischendurch, der kommt bei „Die Lügen des Locke Lamora“ ganz sicher voll auf seine Kosten. Der Roman ist handwerklich gut gemacht und tatsächlich alles andere als ein Langweiler.

Obwohl er die Anlagen dazu mitgebracht hätte, ist er aber ganz sicher kein Meilenstein des Genres. Daran ändern auch die vollmundigen Ankündigungen des Verlags nichts, die zu meinem großen Bedauern das wirklich wunderschöne und passende Bild auf dem Einband verunstalten. Der obligatorische, nervige Aufkleber „Für alle Fans von GAME OF THRONES“ legt hier in völlig unnötiger Weise die Messlatte derart hoch, dass der Roman daran nur scheitern kann. Ganz sicher kann ich sagen, dass „Die Lügen des Locke Lamora“ nicht in dieser Liga spielt und auch inhaltlich nicht im Geringsten mit „Game of Thrones“ vergleichbar ist. Auch das auf das Coverbild aufgedruckte Name-Dropping „Scott Lynch ist eine herausragende neue Stimme der Fantasy! – George R. R. Martin“ ist aus diesem Grund völlig unangemessen. Derartige Anspielungen empfinde ich als unpassend und tun dem Buch keinen Gefallen.

„Die Lügen des Locke Lamora“ ist ein spannender und gut geschriebener Fantasy-Roman. Ein prall gefüllter Pageturner, der jedoch unter seinen Möglichkeiten geblieben ist.

Scott Lynch, Die Lügen des Locke Lamora

Übersetzt von Ingrid Herrmann-Nytko

Taschenbuch, 845 Seiten

Wilhelm Heyne Verlag , München

Dt. Erstausgabe 05/07

ISBN 978-3-456-53091-1

Derzeit erhältliche deutsche Titel der Serie Locke Lamora:

  • Die Lügen des Locke Lamora
  • Sturm über roten Wassern
  • Die Republik der Diebe 
  • Das Schwert von Emberlain

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.