Belletristik

Stefan aus dem Siepen „Das Seil“

Als Bernhardt, die Pfeife zwischen den Zähnen, seinen Abendgang machte, lagen die kleinen Holzhäuser des Dorfes im Dunkeln, die Läden vor den Fenstern waren geschlossen, hier und dort schlängelte sich Rauch von einem strohgedeckten Dach dem Himmel entgegen, an dem das gelbweiße Mondlicht die Sterne verscheuchte.

Mit dieser Idylle beginnt Stefan aus dem Siepens (*1964 in Essen) kleiner Roman „Das Seil“. Die Geschichte spielt zu irgendeiner nicht näher bekannten Zeit, in einem kleinen weit abgelegenen Dorf, das von dichtem Wald umgeben ist. Auf dem abendlichen Rundgang um seinen Hof stößt der brave Bauer Bernhardt eines Abends auf das am Boden liegende Ende eines mysteriösen Seils. Quer über die Wiese verlaufend verschwindet es im nahe gelegenen Wald. Heranziehen lässt es sich nicht und auch ein Ende ist trotz intensiver Suche nicht erkennbar. Die Neugierde der Dorfbewohner ist geweckt. Die Männer lassen die Ernte im Stich und machen sich auf den Weg in den tiefen Wald, um an das Ende des rätselhaften Seils zu gelangen. Mit jeder Stunde und jedem Tag geraten sie mehr in den Bann des geheimnisvollen Seils. Immer stärker und drängender wird das Verlangen diesem tiefer in den Wald zu folgen und immer höher wird der Preis, den sie bereit sind für ihre Suche zu bezahlen.

Das Seil zerrte die Bauern jetzt aus alldem heraus, es weckte eine Sehnsucht in ihnen, die bisher in unzugänglichen Bezirken der Seele verborgen gewesen war: ein Mal ihrer angestammten Kleinwelt zu entrinnen, die tausend Fäden, mit denen sie an Haus und Dorf gefesselt waren, lustig-irrsinnig zu kappen.

Stefan aus dem Siepen erzählt in einer wunderschönen, einfachen, bisweilen märchenhaft anmutenden Sprache eine mysteriöse, düstere, beunruhigende Geschichte. Ein bemerkenswertes erzählerisches Niveau, das bis zum Ende durchgehalten wird und dem Roman eine ganz besondere leicht entrückte Stimmung gibt.

Auf den Weg der Männergruppe ins Unbekannte überschlagen sich die Ereignisse und verhängnisvolle Entscheidungen werden getroffen. Immer wieder ertappt man sich als Leser*in dabei, die Handlungen der Beteiligten zu bewerten und zu hinterfragen. Es eröffnen sich bewegende moralische Perspektiven und Fragestellungen, die die Leser*innen geradezu zwingen, Stellung zu beziehen und sich eine eigene Meinung zu den Geschehnissen zu bilden. Zudem bleibt der Roman immer spannend und wartet bis zum Schluss mit neuen Überraschungen auf.

Handelt es sich bei dem nur gut 170 Seiten zählenden kleinen Roman jetzt um ein Märchen, eine Fabel, eine Parabel, eine Reflexion oder eine Erzählung? Vollständig einordnen lässt er sich nicht. Sicherlich ist er ein bisschen von allem.

Auf jeden Fall eine spannende, märchenhafte, bereichernde Lektüre, die ich allen Literaturfreund*innen sehr ans Herz legen möchte.

Stefan aus dem Siepen, Das Seil

Taschenbuch, 175 Seiten

dtv Verlag, München, 2012

ISBN 978-3-423-14345-5

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3 Comments

  • Björn Herzig

    Danke für den Hinweis! Ja, gerade bei so ungewöhnlichen Texten ist es schwierig, eine angemessene filmische Bildersprache zu finden. Da wird dann schnell gefällige Genrekost drauf. Werde trotzdem auf jeden Fall mal reinschauen. Die arte-Mediathek ist ohnehin eine Fundgrube. Habe erst neulich die Filme von Kenji Mizoguchi („Ugetsu Monogatari“, „Sansho Dayu“) dort wiedergesehen. Sehr zu empfehlen!

  • Björn Herzig

    Sehr gelungene Buchvorstellung! Das klingt nach einer faszinierenden Lektüre. Ich erinnere mich, dass ich das Büchlein damals bei seinem Erscheinen in der Hand hatte und auch von der Beschreibung auf dem Klappentext gleich gepackt war. Gerade das undefinierbare Genre – eine Art Märchen in modernem Gewand, aber trotzdem seltsam zeitlos und parabelhaft – fand ich spannend, wie Du auch schreibst. Habe es dann aus irgendwelchen Gründen doch nicht gekauft und jahrelang nicht mehr daran gedacht – bis jetzt, zu Deiner Rezension. Werde es nach dieser Vorstellung definitiv lesen. Toll, dass Du es entdeckt hast!

    • Horatio-Bücher

      Vielen Dank für die Rückmeldung. Das kleine Buch hat großen Charme. Derzeit gibt es dazu auch einen Dreiteiler in der arte-Mediathek. Der basiert auch auf der interessanten Grundidee, ist aber ganz im Gegensatz zum Buch ein heftiger Thriller (Triggerwarnung!). Das Buch ist dagegen wirklich etwas Besonderes. LG 🙂

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